Beratung » Erste Hilfe  

print
27.01.2006

Psychische Folgen

Unabhängig von der Schwere körperlicher Verletzungen kann ein Angriff psychische Auswirkungen haben, die zu einer starken Belastung für die Betroffenen werden können. Eine weitere Folge können negative soziale Verhaltensänderungen sein.

In den Wochen nach einem Angriff kann es sein, dass Betroffene unter Schlafstörungen und Albträumen leiden, in denen sie das Erlebte wiederholt durchleben. Nicht selten bedeutet die Gewalterfahrung für die Betroffenen sowie für die nahe stehenden Personen einen radikalen Einschnitt in ihr bisheriges Leben.

Die TäterInnen rechter Gewalt senden eine deutliche Botschaft an ihre Opfer. Sie geben ihnen zu verstehen, dass diese nicht erwünscht sind und den Ort verlassen sollen: Im schlimmsten Fall sprechen sie ihnen das Recht zu Leben ab. Diese Botschaften werden von Opfern, ihrem Umfeld und einem potenziell ebenfalls betroffenen Personenkreis, in der Regel klar verstanden. Manche Opfer suchen die Erklärung für die Gewalt in ihrer Persönlichkeit oder ihrem Verhalten. Das ist nachvollziehbar, aber in der Regel falsch.

Die Wirkung eines Angriffs auf das Opfer kann von Außenstehenden besser nachvollzogen werden, wenn sich vergegenwärtigt wird, dass die Gewalt als Zuspitzung einer alltäglichen Diskriminierung empfunden werden kann. Das gilt insbesondere bei Rassismusopfern. Das Erlebnis eines Angriffs führt dazu, dass nachfolgend jede rassistische Beleidigung oder Diskriminierung, dass jeder hasserfüllte Blick ein ganz anderes Bedrohungspotenzial enthält und entsprechende Angstgefühle auslösen kann. Punks und Angehörige alternativer Jugendkulturen stoßen ebenfalls häufig auf wenig Verständnis können den Angriff als wiederholte Ablehnung erleben.

Während die körperlichen Verletzungen meist behandelt werden, werden die psychischen Verletzungen von dem Betroffenen häufig verdrängt und nicht beachtet. Auf ein traumatisches Erlebnis reagiert jeder Mensch auf seine eigene Art und Weise. Trotzdem gibt es Beschwerden, die bei vielen gleich bzw. ähnlich sind. Psychische Belastungserscheinungen wie Schlafstörungen, Albträume und Angstanfälle sind zunächst normale Folgen eines Angriffes. Sie vergehen nach einiger Zeit, wenn die Psyche die Verletzung der persönlichen Integrität verarbeiten kann. Bleiben diese Symptome länger als einen Monat bestehen oder kommen neue hinzu, hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt. Verschiedene Begriffe werden gleichwertig verwendet: Posttraumatisches Belastungssyndrom, Posttraumatische Belastungsreaktion, Posttraumatisches Stresssyndrom (PTS) und Post-Traumatic Stress Disorder (PTSD).

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Die PTBS ist eine mögliche Folgereaktion auf ein extrem belastendes Ereignis, welches außerhalb der normalen Erlebniswelt der meisten Menschen liegt. Die Betroffenen haben die Erfahrung von Todesbedrohung, Lebensgefahr oder Körperverletzung gemacht bzw. die Bedrohung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder einer anderen Person erlebt. Diese Erfahrungen waren so schwerwiegend, dass die meisten Menschen mit ihrer Verarbeitung überfordert sind. Das traumatische Ereignis war geprägt von völliger Hilflosigkeit und dem Gefühl des Ausgeliefertsein, dadurch wurde das Selbst- und Weltverständnis stark erschüttert. Wenn das belastende Ereignis von Menschenhand ausgeführt wurde, wie es bei rechten Gewalttaten der Fall ist, ist der Verlust des Vertrauens in Mitmenschen in der Regel schwerwiegender und langfristiger.

Symptome

Da jeder Mensch individuelle Bewältigungsstrategien hat, müssen beim Auftreten einer PTBS nicht alle Symptome vorhanden sein. Das wesentlichste Merkmal ist das ungewollte Wiedererleben von Aspekten des Traumas in Form von Albträumen oder quälenden Erinnerungen während des Tages. Es treten die gleichen sinnlichen Eindrücke (z.B. bestimmte Bilder, Geräusche, Geschmacksempfindungen, Körperwahrnehmungen) sowie gefühlsmäßige und körperliche Reaktionsweisen auf wie zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrung. Alles, was an das Trauma erinnert, wird als sehr belastend erlebt und deshalb unterdrückt und gemieden. Dies können bestimmte Orte oder Situationen sein, aber auch Gedanken, Bilder oder Aktivitäten.

Die emotionalen Reaktionen können sehr verschieden sein, sie reichen von panischer Angst, häufigen Stimmungsschwankungen, Hilflosigkeit, Zweifel, Ängstlichkeit bis hin zu Selbstvorwürfen, Schamgefühl, emotionaler Taubheit oder Suizidgedanken. Viele Betroffene verlieren das Interesse an Dingen, die ihnen früher wichtig waren und Freude bereiteten. Sie isolieren sich von ihrer Umwelt, haben ein erhöhtes Bedürfnis, die Umwelt oder Andere zu kontrollieren, sind unruhig und übervorsichtig, zugleich auch leichter reizbar oder aggressiver als früher.

Sehr häufig treten Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten auf. Aber auch verschiedene körperliche Symptome sind bei einer PTBS häufig vorhanden, z.B. Schmerzen in verschiedenen Bereichen, Magen-/Darmprobleme, Schlafstörungen, Appetitstörungen, Herzrasen, Schwitzen, Schreckhaftigkeit sowie erhöhte Krankheitsanfälligkeit.

Traumatisierungen müssen behandelt werden

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist nach den Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit (ICD-10) anerkannt und behandlungsbedürftig. Die Traumatisierung kann zu Persönlichkeitsveränderungen führen, sodass Betroffene das Gefühl haben, »nicht mehr sie selbst« zu sein. Bei ausbleibender Behandlung besteht die Gefahr, dass sich die Posttraumatische Belastungsstörung chronifiziert. Dies um so eher, wenn bereits in der Vergangenheit traumatisierende Gewalterfahrungen gemacht wurden, wie dies bei vielen Flüchtlingen der Fall ist. Entscheiden sich die Betroffenen für eine stützende psychotherapeutische Behandlung, bedarf es oftmals sehr großer Geduld, denn eine Behandlung kann sich über mehrere Jahre erstrecken.

Was können Angehörige oder Freunde tun?

Bleibt eine solidarische Unterstützung aus, empfinden viel Betroffene, dass der rechte Angriff durch die Mehrheit der Gesellschaft legitimiert wurde. Damit wächst das Misstrauen gegenüber anderen Menschen. Wenn sich das Opfer durch das soziale Umfeld nicht verstanden fühlt, werden Rückzugstendenzen verstärkt. Wenn niemand weiß, welche Folgen die Traumatisierung haben kann, entstehen leicht Missverständnisse und Sprachlosigkeit. Es bedarf Sensibilität von FreundInnen und Angehörigen. Gleichzeitig sollte sich das Opfer Vertrauenspersonen gegenüber öffnen, um die Folgen eines Angriffs zu bewältigen.

Es sind manchmal ganz einfache Dinge, die den Betroffenen bei einer Stabilisierung helfen und so einen Rückzug vermeiden können: Gemeinsame Unternehmungen, aufmerksame Gespräche, die solidarische Unterstützung im Kontakt mit den Behörden oder die Begleitung bei alltäglichen Wegen, zur Schule, zur Arbeit oder zum Einkaufen. Das kann die Betroffenen unterstützen, Ängste zu überwinden, sie ermutigen, Handelnde zu bleiben und sich soziale Räume zurückzuerobern. Eine Unterstützung sollte bei den Fähigkeiten und Interessen des Betroffenen ansetzen. Die Einbeziehung weiterer potenziell Betroffener bzw. des sozialen Umfelds kann dazu beitragen, dass gemeinsame Handlungsstrategien entwickelt werden.

Wer kann helfen?

In Gesprächen können MitarbeiterInnen der Opferperspektive helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Sie informieren über mögliche Folgen und seelische Auswirkungen eines rechten Angriffs. Wenn es gewünscht wird, können Opfer mit einer Beraterin/einem Berater eine Hilfeplan ausarbeiten und Unterstützung bei der Umsetzung erhalten. Die Opferperspektive kann in eine Psychotherapie oder an andere Einrichtungen vermitteln. Der Verein Opferhilfe Brandenburg e.V. bietet therapeutische Gespräche an.

Bei der Beantragung und Durchsetzung finanzieller Hilfen kann die Opferperspektive behilflich sein. Die Therapiekosten werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen. Sollten diese nicht zahlungspflichtig sein, kann ein Antrag beim zuständigen Versorgungsamt zur Finanzierung der Kosten gestellt werden. Der Weiße Ring kann Betroffenen zudem Beratungsschecks für eine posttraumatische Erstberatung zur Verfügung stellen.

Weiterführende Dokumente: Ansprüche nach dem Opferentschädigungsgesetz

(OPP)

print

links:

external link Gesundheitswegweiser für Migrantinnen und Migranten  [Landesregierung Brandenburg 2007, 7 Sprachen ]
external link Opferhilfe Brandenburg  [Beratung für Kriminalitätsopfer]
external link Weißer Ring  [Landesbüro Brandenburg]